6. Johann Paul Friedel – ein vergessener Pädagoge?

Im März 1740 erscheint in Jena ein Buch mit dem umständlichen Titel:

„Treue Hirtensorge vor die Lämmer
Oder Deutlicher Unterricht, 
Wie Gemeiner Leute Kinder,
Zumal auf dem Lande,
sollen christlich erzogen,
auch im Lesen, Schreiben und Rechnen gründlich unterwiesen werden;
Nebst beygefügter Nachricht vom Olitätenhandel derer sogenannten Königseer,
wohlmeinend entworfen von Johann Paul Friedel,
Pfarrer in Oberweißbach.“
 

 

Es ist gleichermaßen Lese-, Rechen- und Geschichtsbuch sowie eine Unterweisung für Eltern zur christlichen Erziehung der Kinder. Heute würde man wohl von fächerübergreifendem Unterricht sprechen und wäre stolz auf diese „neue“ pädagogische Erfindung.

Das 280 Jahre alte Büchlein hat nur 112 Seiten und enthält doch ein bemerkenswertes und vor allem praxisorientiertes Repertoire für den Unterricht im Buchstabieren, Lesen, Schreiben, Rechnen und in Geschichte, wobei hier vor allem die Ortsgeschichte bzw. die Geschichte des Olitätenhandels im Vordergrund steht. Kinderspiele für Jungen und Mädchen sind ebenso enthalten oder angedeutet, wie die Herstellung einer Feder (Schreibfeder, Federkiel). Zum Lesen lernen rät Friedel (Johann Paul Friedel, geb. 17.04.1694 in Laasdorf im Altenburgischen) zu einem ähnlichen Vorgehen wie wir das etwa aus DDR-Zeiten mit der Fibel kennen. Friedel lässt Diktate schreiben, erklärt das Abfassen privater und geschäftlicher Briefe und den Satzbau – und das alles ganz und gar ohne Fremdwörter!

Er arbeitet mit Beispielen, die stets mit der Lebenswirklichkeit der Kinder zu tun haben. Datenschutz war damals noch kein Thema, denn oft müssen tatsächlich existierende Personen als gute oder schlechte Beispiele herhalten, etwa hier:

„Der Apotheker Walther in Zerbst, der ein redlicher, verständiger und bescheidener Mann ist, kaufft viel Waaren, sonderlich aber Spiritus vor bar Geld von uns.“

Noch köstlicher lautet eine Art Strafanzeige, welche besagt:

„daß Dero Knecht Hans Unbehauen sich gestern in hiesiger Schencke sehr ungebührlich aufgeführet, und fast alle Fenster eingeschlagen hat …“

Vielleicht hat man Friedel diese Offenheit übelgenommen, denn plötzlich wird er vorsichtiger. Nun heißen seine Beispielgeber etwa Nicol Unbedacht, Fritz Redlich oder Adam Aufrecht.

Rechnen lernen, „Nummeration“ (Zählen), Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division: Hier finden sich ein paar hübsche Beispiele, an denen sich selbst heutige Abiturienten die Zähne ausbeißen dürften, dann nämlich, wenn Friedel das Rechnen mit nichtdezimalen Währungen lehrt. Die gezielte Förderung besonders fähiger, talentierter Schüler gehörte ebenso zu Friedels Lehrplan, wie Bruchrechnen und Dreisatz.

Großen Wert legt Friedel auf die richtige Berufswahl, darauf, dass die Eltern die Neigungen ihrer Kinder erkennen, fördern und sie zu „Professionen“ anhalten, die ihren Talenten entsprechen und ihnen Freude bereiten, anstatt sie zu ihnen wesensfremden Tätigkeiten zu zwingen.

Ein langes, äußerst aufschlussreiches Gespräch zwischen einem Balsamträger und dem Pfarrer gewährt uns schließlich Einblicke in die Anfänge und die harte Lebenswirklichkeit des Olitätenhandels. Nebenbei erfahren wir etwas über den früher um Oberweißbach verbreiteten Flachsanbau sowie die erstaunliche Gesundheit der Kinder, die selbst im Winter barfuß herumlaufen.

Schließlich berichtet Friedel ausführlich über die Gründe, die zu Plünderung und Brandschatzung Oberweißbachs 100 Jahre zuvor geführt haben (siehe dazu unter 1640).

Von 1737 bis 1761 ist Johann Paul Friedel Seelsorger des Kirchspiels Oberweißbach. Wer ist dieser Mann, der sich genau 100 Jahre vor der Gründung des Kindergartens durch Friedrich Fröbel mit Erziehungsfragen der dörflichen Schuljugend befasst – und heute so gut wie vergessen ist?

Schon 1707, also 30 Jahre bevor er die Pfarrstelle in Oberweißbach übernimmt, ist Johann Paul Friedel als Lehrer tätig, und spätestens ab 1729 taucht er in den Rudolstädter Akten als „Informator des Erbprinzen zu Schwarzburg-Rudolstadt“ auf. Der spätere Oberweißbacher Pfarrer ist also vor Antritt seines geistlichen Amtes Erzieher und „Privatlehrer“ des Fürstensohnes Johann Friedrich I. (geb. 8. Januar 1721, gest. 10. Juli 1767). Eine bemerkenswerte Vertrauensstellung!




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Noch interessanter ist jedoch die fachliche Entwicklung J. P. Friedels, die am Beispiel des Prinzen Johann Friedrich besonders deutlich wird:

Die gemeinsame Geschichte des Lehrers und des blaublütigen Knaben beginnt im Jahre 1730. Da nämlich nimmt J. P. Friedel den damals neunjährigen Prinzen auf durchlauchtigsten Befehl in seine Obhut, nicht nur, um ihm das für einen künftigen Herrscher nötige Wissen zu vermitteln. Es beginnt eine Zeit, in der beide – Schüler und Lehrer – unter einem unbarmherzigen Erfolgszwang stehen. Am Ende der nun folgenden sieben Jahre erntet der fromme Mann nicht nur Dankesworte.

Die ersten Jahre verlaufen wohl noch einigermaßen gut, wenn auch der junge Prinz auf einigen Gebieten (Geometrie, Klavierunterricht) deutliche Schwächen aufzuweisen hat.

Der Unterricht, so besagt es ein Plan von 1730, beginnt morgens um 7 Uhr und endet nachmittags um 17 Uhr. Zwischen 12 und 2 ist Mittagsruhe. In den ersten (den vornehmsten) beiden Stunden wird Christenlehre erteilt, danach eine Stunde Klavierunterricht. Von 10 bis 11 steht Geographie und von 11 bis 12 „Schreiben“ auf dem Stundenplan. Mittwochs und freitags wird in dieser Zeit – man höre und staune – Zeitung gelesen, und zwar auch Französisch, wie Friedel berichtet. Nach der Mittagsruhe übt sich Johann Friedrich eine Stunde im Tanzen (mittwochs und freitags jeweils Zeichnen) und von 15 bis 17 Uhr wird Latein gepaukt (mittwochs und freitags in der letzten Stunde jeweils Mathematik).

Doch es läuft nicht alles so glatt, wie sich das der Landesherr vorstellt. Prinz Johann Friedrich hat Lernschwierigkeiten. Das „ingenium" (Auffassungsgabe, Natur) sei „etwas langsam“, muss Friedel feststellen. Mit 14, 15 Jahren stellen sich zudem Konzentrationsschwächen ein, die der Lehrer zwar für normal hält, die aber letztendlich nichts Gutes zu bedeuten haben. Der Rat Hartenberg, der wohl für die Angelegenheiten bei Hofe zuständig ist, macht dem Schulmann scharfe Vorwürfe. Der Prinz sei nachlässig, beherrsche die Gebote nicht und könne noch nicht einmal vier Zeilen Deutsch fließend lesen. Friedel sei zwar sehr fleißig, doch würde sein Ehrgeiz missbraucht. In Abwesenheit des Fürsten (?) ordnet Hartenberg daher drakonische Maßnahmen an: Wegfall der Unterrichtspausen, Einsperren im Zimmer (zwecks Weiterlernen) usw.

Der Prinz gerät mit Hartenberg in Streit und beklagt sich bei seinem Lehrer, (nicht etwa beim Vater!), dass er immer allein sein müsse, während andere sich vergnügen.

Wann genau Friedel seine Stellung aufgibt, ob dies freiwillig geschieht und wenn nicht, ob die Entlassung mit den Erziehungsproblemen Johann Friedrichs zu tun hat: Wir wissen es (noch) nicht.

Laut Elsässer ist Johann Paul Friedel jedenfalls ab 1737 Pfarrer in Oberweißbach und als solcher auch für Schulfragen zuständig. 1740 erscheint sein Buch zu Fragen der Schulbildung einfacher Dorfkinder; 1742 ist von einem weiteren, noch nicht gedruckten Buch ähnlichen Inhalts die Rede und im gleichen Jahr arbeitet der nunmehrige Pfarrer an einer Veröffentlichung über die „Verhütung der Feuersgefahr".

Von all dem scheint sich kaum etwas bis in unsere Zeit im Gedächtnis der Menschen erhalten zu haben. Den wenigsten Oberweißbachern dürfte Friedel heute noch ein Begriff sein. Hat man seine erstaunlichen Fähigkeiten und Leistungen womöglich auch schon zu seinen Lebzeiten „übersehen“?

Als 1743 die Pfarr- und Adjunkturstelle Königsee wiederzubesetzen ist, zieht man Pfarrer Friedel in Erwägung. Doch Friedel bleibt in Oberweißbach! Aus den Akten des Landesarchivs Rudolstadt ist zu entnehmen, dass er erst 1761 nach Königsee geht, was auch mit Elsässers Erkenntnissen übereinstimmt, wonach Friedel bis 1761 in Oberweißbach war. 1776 stirbt Pfarrer Friedel in Königsee.

Bemerkenswert ist vielleicht noch ein (um 1763?) erschienenes „ABC-Buchstabier- und Lesebüchlein“, welches im Wettstreit mit vergleichbaren Werken anderer Autoren bis 1777 zu zahlreichen Meinungsäußerungen von Pfarrern und Lehrern führt. 1774 meldet sich in dieser Sache auch Pfarrer Johann Jacob Fröbel aus Elxleben zu Wort. Zwei Jahre später, nach dem Tode des Pfarrers Treuner, wird er, der spätere Vater von Friedrich Fröbel, Pfarrer in Oberweißbach.

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