17. Fischbachwiese - zwei Episoden um ein verschwundenes Dorf

 


Fischbachwiese 1974
Foto: © Uwe Liebmann / Elvira Grudzielski (geb. Liebmann)

Am 5. Mai 1921 wird in dem kleinen, heute nicht mehr existierenden Ort Fischbachwiese ein Mädchen geboren. Ihre Mutter heißt Johanna Rößler, das Kind nennt sie Ingeborg.

Johanna Rößler ist die Geliebte von Friedrich Lamberty, genannt „Muck“. Der ist zu Beginn der 1920er Jahre ein bekannter Jugendführer. Mit seiner „Neuen Schar“ zieht er durch Thüringen. Überall, wo Muck auftaucht, wird gesungen und getanzt. Muck „predigt“ das einfache schlichte Leben im Einklang mit der Natur und so nimmt es nicht Wunder, dass seine Tochter Ingeborg ("Das Eschekindlein", verehelichte Haensel) später eine der ersten Verfechterinnen der Demeter-Landwirtschaft wird, einer der frühesten und noch heute praktizierten „Bio-Anbaumethoden“.

Einerseits modern denkend (heute würde man sagen: ökologisch), auf seine Art „naturreligiös“, ist Muck wohl andererseits auch in puncto freie Liebe seiner Zeit voraus. Sein Töchterchen wird unehelich geboren. Das wird seinen Anhängern zum Stein des Anstoßes und kommt seinen Neidern gerade recht.

Als die Sache ruchbar wird, gerät nicht nur der stolze Papa, sondern auch die „Neue Schar“ ins Zwielicht. In Fischbachwiese findet („im Sommer 1921“) eine Art „Krisensitzung“ statt, in der über das weitere Schicksal von Johanna („Hanna“) Rößler in der „Neuen Schar“ entschieden werden soll. Ein heute undenkbarer Vorgang! Muck selbst ist nicht anwesend; er lässt sich von seinem Freund Gusto Gräser vertreten.

Warum Mucks Freundin Hanna bereits am 5. Mai in Fischbachwiese ist, bleibt unklar – oder bekommt sie ihr Baby ausgerechnet während des Treffens, das über sie den Stab brechen soll?

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Eine andere Geschichte erzählte mir Elvira Grudzielski (geb. Liebmann) – und die hängt mit dem oben gezeigten Foto zusammen:

Das Bild zeigt Oskar Liebmann, der nach dem 2. Weltkrieg und einer Lehre bei Zeiss in Jena in die USA auswandert und dort eine eigene Firma gründet. Bei einem Besuch 1974 (mit US-Straßenkreuzer) führt ihn sein erster Weg nach Fischbachwiese zu seinem Großvater Robert Jahn („Böhlner Robert“). Als Kind war Oskar oft in Cursdorf zu Besuch und brachte dem Großvater täglich zu Fuß Essen nach Fischbachwiese. Und so besteht auch durch die heute noch in Oberweißbach ansässige Familie Liebmann ein Bezug zu Fischbachwiese, einem verschwundenen Ort, von dem die "Nachwende-Generationen" nichts wissen ...

Oskar Liebmann (OL) war übrigens maßgeblich an den BMW-Nachkriegserfolgen im Motorrad-Rennsport beteiligt. Seine (nach ihm benannte) BMW RS 500 OL ist noch heute eine Legende.

Quelle: BMW RS 500 OL

Fischbachwiese gehörte bis zum Schluss zum Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt; die Weiden und Stallungen für die Stuten der Oberweißbacher Oberförsterei (heute „Burghof“) befanden sich dort. Und vielleicht wuchs dort ja auch eine uralte Esche, nach der dann Friedrich „Muck“ Lamberty seine kleine Tochter nannte?

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Fischbachwiese - zwei Episoden um ein verschwundenes Dorf

Fischbachwiese 1974 Foto: © Uwe Liebmann / Elvira Grudzielski (geb. Liebmann) Am 5. Mai 1921 wird in dem kleinen, heute nicht mehr existiere...