19 Oktober, 2020

Die alte(n) Oberweißbacher Kirche(n)

Was ist eigentlich ein Positiv?

Und wozu braucht man eine Kanzel-Uhr?

Beim Durchstöbern einiger alter Dokumente bin ich kürzlich auf einen Text gestoßen, in dem es u. a. um die alte Kirche geht, die bis 1840 auf dem Oberweißbacher Friedhof stand.

Genau genommen war es nicht „die“ alte Kirche, sondern eine der mindestens 2 Kirchen, die nacheinander dort gestanden haben – die erste bis 1606. Die zweite wurde von 1606/07 bis 1612 erbaut und bestand bis zu ihrem Abriss 1840.

Die alte Kirche war wohl recht klein – „zierlich“ heißt es in den Akten. 1640 brannte sie ab und wurde zwischen 1640/41 und 1647 wiederaufgebaut. So gesehen könnte man ab hier sogar von einer dritten Kirche sprechen, aber wir wollen ja nicht übertreiben.

Geblieben ist von ihr der obere Teil des Turmes, der sich heute in Lichtenhain auf dem ehemaligen Amtshaus befindet, ein großer Stein, den Pfarrer Mohr 1840 an Ort und Stelle (unterer Friedhof) belassen und mit einer Inschrift versehen hat, und der Taufstein, der noch heute (wieder) in der Hoffnungskirche für Taufen genutzt wird. Außerdem ein Kelch aus dem Jahre 1644.

1657 erhielt das Kirchlein ein Schieferdach und ab 1659 – wie bereits angedeutet – verfügte die Kirche über ein sogenanntes Positiv. Dabei handelte es sich um eine kleine, versetzbare Orgel, die offenbar leicht zu spielen war, denn in den Akten heißt es sinngemäß, dass wegen dieses Positivs auf die Anstellung eines Organisten (jedenfalls vorerst) verzichtet werden konnte.

Was aus dem Instrument geworden ist? Man weiß es nicht. Es gibt jedoch auch heute noch vergleichbare Instrumente – hier ein zeitgenössisches Vergleichsstück:


Positiv
Vergleichsstück von 1657

Im 18. Jahrhundert gab es dann einige Reparaturen, so 1703, als die bis dahin offenbar an der Kirchendecke aufgehängten „Männerstände“ (Empore) neu gebaut wurden und dabei die Kanzel hinter den Altar versetzt wurde. Die „Weiberstände“ befanden sich offenbar ebenerdig – unten. So war das damals …

1708 erhielt die Kirche dann eine „richtige“ Orgel – und zwar von Johann Conrad Weißhaupt (oder Weißhäupl) aus Seebergen.

1722 wurde das Glockenhaus „vergrößert“, was gleich mehrere Fragen aufwirft:

Was heißt „vergrößert“? Erhöht?

Wenn es ein Glockenhaus gab: Folgt daraus, dass sich die Glocken nicht auf dem Turm befanden? Oder war das Glockenhaus der Turm?

Handelt es sich womöglich bei dem heute noch erhaltenen Torhaus zum Friedhof um den Rest dieses Glockenhauses?

Erbaut wurde das Glockenhaus laut Akten 1687; das Torhaus jedoch laut dort eingemauertem Stein schon 1587.

1738 – 1743 erhielt die kleine Kirche neue Fenster und 1744 hatten die Oberweißbacher „Töchter und Mägde“ genügend Geld gesammelt, damit eine „Canzel-Uhr“ angeschafft werden konnte.

Ist das nicht rührend?

Aber wozu braucht man eine Kanzel-Uhr?


Kanzel-Uhr
Vergleichsstück von 1776

Nun, ein solches Instrument erfüllte wohl gleich mehrere Zwecke:

Der Pfarrer wusste, wie lange er bereits gepredigt hat und wieviel Zeit noch bleibt. Das war insofern wichtig, weil er mehrere Orte zu betreuen und dort nacheinander Gottesdienste abzuhalten  hatte und sich deshalb lieber nicht verplapperte. Für seine Vorgesetzten war es ein Kontrollinstrument. Auf freundliche Nachfrage bei den Gemeindegliedern konnte man so in Erfahrung bringen, ob der Herr Pfarrer auch was tat für sein Geld.

Geld – auch so eine Sache: Die Besoldung eines Pfarrers anno dazumal – darüber könnte man ein Buch schreiben …

Für die Gottesdienst-Besucher hatte die Uhr natürlich auch Vorteile: Je mehr Sand verronnen war, desto näher rückte der Sonntags-Schmaus! Hm…!

Na dann: Guten Appetit!

09 Juni, 2020

Das 20. Jahrhundert

Hinweis!
Alle Beiträge in chronologischer Reihenfolge finden Sie rechts unter "Startseite"

***

1903 – Am 12. April 11 Uhr brennen die Scheunen von Briefträger Liebrecht Fröbel, August Schippel und Karl Wilhelm nieder.

1904 – Nachdem in Oberweißbach Pläne der Gemeinde Mellenbach bekannt werden, dort eine Anstalt zur Gasherstellung aus Steinkohle zu errichten, wird ein Komitee gegründet, das die Errichtung eines Gaswerkes in Oberweißbach plant.

Am 17. August nachts 11 Uhr bricht Feuer im Stallgebäude der Witwe Elenora Götze aus. Deren Wohnhaus, Stall und Scheune, das Wohnhaus und die Kegelbahn des Restaurateurs Emil Lotze sowie das Wohnhaus von Louis Schneider brennen nieder.

Am 19. August nachts ½ 10 Uhr bricht Feuer im Holzschuppen des Steindruckereibesitzers Raimund Harras aus. Dessen Wohnhaus, Nebengebäude, Scheune und Schuppen sowie die Wohnhäuser des Schneiders Karl Enders, der Witwe Ernestine Bock und des Hermann Rosenbaum brennen nieder.

Am 25. August nachmittags 7 ½ Uhr brennt das Backofengebäude des Konditors und Posthalters Emil Bock. Dieses sowie ein weiteres Haus des Bock werden vollständig zerstört.

Am 17. September vormittags 7 Uhr brennt das Stallgebäude des Thermometermachers Karl Schneider. Stall und Scheune brennen nieder; das Wohnhaus bleibt verschont.

Die Brandursachen bleiben in allen Fällen ungeklärt.

1905 – In diesem Jahr wird zur Förderung der Glasbläserei die Gasanstalt gebaut. Hierfür erhält die Fa. Leopold & Härting aus Königswusterhausen den Auftrag.

Am 2. Oktober nimmt das Oberweißbacher Gaswerk (heute Fa. Wicklein) seine Arbeit auf. Damit erstrahlen in Oberweißbach erstmals Straßenlampen – mit Gas betrieben.

1906 – Im Jahr 1906 wird mit dem Bau der Wasserleitung begonnen. Das von der Fa. Glockenbach errichtete Wasserwerk geht am 28. Dezember 1906 in Betrieb. Zur gleichen Zeit wird der „Hirtenteich“ als Feuerlöschteich ausgebaut. Im Dorfbach werden an zahlreichen Stellen Absperrschieber eingebaut. Im Brandfalle kann so Wasser in den Bach geleitet und an entsprechender Stelle aufgestaut werden.

1907 – Im Januar werden Pläne bekannt, wonach eine Eisenbahnstrecke von Sitzendorf über Leibis nach Oberweißbach geführt und bis Neuhaus erweitert werden soll.

Mylius Ehrhardt errichtet in Oberweißbach eine Glühlampenfabrik.

Am 7. August besichtigt die Vorsitzende des Internationalen Fröbelvereins, Eleonore Heerwart, in Begleitung von Fröbelfreundinnen aus mehreren Ländern das Fröbelgeburtshaus.

Am gleichen Tag entlädt sich ein schweres Gewitter. Der Blitz schlägt in die neue Telefonleitung und den Fröbelturm ein.

1908 – Das Bahnprojekt Sitzendorf – Leibis – Oberweißbach – Neuhaus wird als zu aufwendig wieder verworfen.

1911 – Das Glühlampenwerk wird Teil der Fa. Hugo und AlfredSchneider AG (HASAG)

1912 – Im Herbst fährt die letzte Personenpost von Sitzendorf nach Neuhaus und wird durch das Postauto abgelöst.

1917 – Am 18. September werden die große und die kleine Glocke zu Heereszwecken abgeliefert.

1919 – Am 11. August erteilt die Regierung des FreistaatesSchwarzburg-Rudolstadt die Baugenehmigung zur Errichtung der Bergbahn.

Zufall: Am gleichen Tage unterzeichnet Reichspräsident Friedrich Ebert in Schwarzburg die Verfassung für das Deutsche Reich (Weimarer Reichsverfassung), die noch heute in Teilen fort gilt (siehe Artikel 140 Grundgesetz).

Im September beginnen die Bauarbeiten zur Bergbahn auf der künftigen Flachstrecke in Cursdorf.

Im Jahr wird die Berufsschule für Glasbläser eingerichtet.

1920 – Oberweißbach erhält elektrische Beleuchtung.

1922 – Der Bau der Steilstrecke für die künftige Bergbahn beginnt. Das Baumaterial wird zum einen mittels einer dampfbetriebenen Seilzugwinde von der Talstation nach oben befördert und zum anderen mit einer Straßenlokomotive (Dampftraktor) herbeigeschafft. Ab August erfolgen erste Probefahrten der Bergbahn.



 

1923 – Am 8. und 9. Januar erfolgt die Gesamtabnahme für die Oberweißbacher Bergbahn, der regelmäßige Personenverkehr beginnt am 1. März. Offiziell eröffnet wird die Bergbahn am 15. März.

1926 – Im Jahr 1926 werden die beiden HASAG-Glühlampenwerke Oberweißbach und Eisenach vereinigt.

1932 – Am 13. April erhält Oberweißbach das Stadtrecht.

In der Neuen Straße wird das Gebäude der Krankenkasse (AOK) errichtet.

Im Winter wird die Sprungschanze im Mellenbachtal in Betrieb genommen.

1933 – In diesem Jahr wird Ortsstraße neu hergerichtet, erstmals asphaltiert und im oberen Ort – als Vorsorge gegen Rutschgefahr – gepflastert. Vorher war die Straße lediglich mit Schotter etwas befestigt.

1934 – Der Schützenplatz (heute Stadtpark am Kulturhaus) wird in eine Grünanlage umgewandelt und mit Bänken versehen. Gleich nebenan wird der Sportplatz errichtet.

Erste Pläne für den Neubau einer Fröbelschule werden erarbeitet.

Früher Plan zum Bau der Fröbelschule, unterzeichnet von Architekt Dinkler, der auch die Häuser in der oberen Lichtenhainer Straße projektiert hat.

1935 – Das (frühere) Gebäude der Stadtverwaltung (Markt 7) wird aufgestockt.

Der Fotograf Max. O. Henkel errichtet das Oberweißbacher Kino.

1935 wird auch die Errichtung des Pfarramtes in der Fröbelstraße beschlossen, wodurch das Fröbelhaus für eine kleine Fröbelgedenkstätte und die Unterbringung des Kindergartens frei wird, welche beide 1937 eingerichtet werden.

Am Fröbelturm wird eine Veranda angebaut und die Fahrstraße zum Turm wird ausgebaut.

1936 – Am 8. Januar wird der beidseitige Ausbau der Bürgersteige beschlossen und noch im selben Jahr ausgeführt. Entlang der Bürgersteige werden im ganzen Ort (teilweise noch heute erhaltene) kleine Ahornbäume angepflanzt, was zu einer deutlichen Verschönerung des Ortsbildes beiträgt und ihm ein einzigartiges Gepräge verleiht.

1937 – Es beginnt der Bau der Siedlung in der Lichtenhainer Straße.

Die bis dahin oft noch vor den Häusern befindlichen „Höfe“ werden beseitigt (teilweise befanden sich dort sogar Misthaufen). Die freigeräumten und gereinigten Flächen werden auf Kosten der Stadt mit Mutterboden bedeckt und in Grünflächen umgewandelt.

Die Kleinsiedlung „Die sieben Raben“ am Turmweg entsteht.

Am 18. Mai geht über Oberweißbach ein schweres Gewitter nieder. Von Feldern und Wiesen, vor allem am Kirchberg und im unteren Ort (Winterseite am Hügel, Bohnetal) wird großflächig der gesamte Mutterboden weggeschwemmt. Der gesamte Marktplatz ist mit Schlamm und Geröll bedeckt. Zur Schadensbeseitigung rückten Einheiten des Reichsarbeitsdienstes (RAD) an. Die Oberweißbacher Lehrerin Erna Vogler verarbeitet das Ereignis später in einer ihrer Kindergeschichten („Vier kleine Menschenbrüder“), verlegt es dabei aber in die unmittelbare Nachkriegszeit.

Am 21. Juni, dem 85. Todestag Friedrich Fröbels, wird das Fröbelhaus eröffnet.

1938 – Im Mai wird das Richtfest für das neue Schulgebäude in der Fröbelstraße gefeiert.

1939 – Am 1. September wird die „Friedrich-Fröbel-Schule“ ohne Feierlichkeiten eröffnet. Im Morgengrauen dieses Tages beginnt der 2. Weltkrieg.

Für die Kriegszeit fehlen mir wiederum Unterlagen oder andere Materialien. Vielleicht kann der/die eine oder andere dazu beitragen, dass diese Lücke künftig gefüllt wird.

1944 – Im Frühsommer 1944 fallen auch nahe Oberweißbach einige Bomben, zum Glück nur auf freies Gelände in ausreichender Entfernung zum Ort.

1945 – Am 9. April beschießen US-Artillerieeinheiten vom „Langen Berg“ aus Oberweißbach. Ein Gebäude („Tränenburg“) wird zerstört, zwei weitere beschädigt, zwei Menschen kommen ums Leben. Der Beschuss wird eingestellt, nachdem auf dem Kirchturm und dem Fröbelturm weiße Fahnen gehisst werden. Der Fröbelturm wird stark beschädigt.

Am 10. April wird Oberweißbach von aus Richtung Meuselbach anrückenden US-Truppen besetzt, womit in unserem Ort der Krieg zu Ende ist. 

Am 8. Mai kapituliert die Wehrmacht.

Am 1. Juli wird Thüringen und somit auch Oberweißbach entsprechend des Beschlusses der Siegermächte von Sowjettruppen besetzt.

Am 01.10.1945 nimmt das Oberweißbacher Glühlampenwerk seine Arbeit notdürftig wieder auf. Gefertigt werden Allgebrauchslampen, wie jeder sie noch heute aus dem Haushalt kennt.

1946 – Aus Polen und der Tschechoslowakei kommen etwa 300 Umsiedler nach Oberweißbach.

Rudolf Henkel beginnt mit der Wiederinstandsetzung des Fröbelturmes.

1948 – 01.06.1948 Das Oberweißbacher Glühlampenwerk wird zum volkseigenen betrieb (VEB). Hergestellt werden Allgebrauchslampen, Beleuchtung für Dunkelkammern und Hochvoltlampen.

Währungsreform. Die Reichsmark (RM) wird im Verhältnis 1 : 10 in Deutsche Mark der Deutschen Notenbank (DM, später MDN) abgewertet.

1949 – Versuchsbohrungen der SAG (Sowjetische Aktiengesellschaft) „Wismut“ auf Uran.

Gründung der DDR.

1952 – Oberweißbach, bisher zum Kreis Rudolstadt gehörig, wird Teil des Kreises Neuhaus am Rennweg.

1953 – Das Landambulatorium wird errichtet.

Erstes Abitur an der EOS „Friedrich Fröbel“,

1954 – Die ersten FDGB-Urlauber kommen nach Oberweißbach.

Das frühere Schützenhaus wird zum Kulturhaus (RFT, später NARVA) umgebaut.

1956 – Die LPG „Aufbau“ wird gegründet. Auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerkes entsteht eine Maschinen- und Traktorenstation (MTS). Die Landmaschinen stammen von der LPG Schmiedefeld. Die Genossenschaft verfügt zunächst nur über 42 ha Land, 3 Kühe, 1 Färse und 10 Mitglieder, von denen aber nur 4 Bauern sind und Land einbringen.

1960 – Die Produktion von Normallampen wird von Oberweißbach nach Berlin verlegt. Das hiesige Glühlampenwerk produziert fortan nur noch Niedervoltlampen (Weihnachtsbeleuchtung, Fahrzeuglampen).

1962 – Durch den Zusammenschluss der LPGen Oberweißbach, Cursdorf und Deesbach entsteht die LPG „Vereinte Kraft“.

1962/63 werden die beiden AWG-Wohnblöcke in der Fröbelstraße erbaut. (Baubeginn nach anderen Angaben schon 1959).

1969 – Der Fröbelturm wird mit Asbestplatten verkleidet.

Erweiterungsbau des Ferienheimes „Schönstedt“.

1978 – Im Bohnetal wird ein Skilift gebaut.

1982 – Anlässlich des 200. Fröbelgeburtstages begrüßt Oberweißbach internationale Gäste. In diesem Jahr entstehen der neue Kindergarten in der Fröbelstraße, das Memorialmuseum „Friedrich Fröbel“ im Fröbel-Geburtshaus sowie ein „Eiscafé“ in der Rudolstädter Straße. Außerdem werden umfangreiche Verschönerungsmaßnahmen im ganzen Ort durchgeführt sowie Gas- und Wasserleitungen sowie Straßen und Bürgersteige erneuert..

1989 – Nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR (7. Oktober) kommt es ab 9. Oktober in Berlin und danach überall im Lande zu Unruhen.

In Oberweißbach bildet sich am Reformationstag (31. Oktober) eine Bürgerbewegung.

Am 9. November kommt es – als Folge einer missverständlichen Meldung in der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ – zu einem regelrechten Sturm der Bevölkerung auf die Berliner Mauer, die daraufhin geöffnet wird.

1990 – Am 1. Juli tritt eine Währungsunion zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland in Kraft; die DDR-Mark wird bis zu einem Betrag von 4.000 Mark (M) 1 : 1, darüber hinaus 1 : 2 in Deutsche Mark (DM) getauscht.

Am 3. Oktober 0:00 Uhr tritt die DDR gemäß Artikel 23 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei.

Wird fortgesetzt ...


08 Juni, 2020

Das 19. Jahrhundert – Teil 2

1851 – Am 24. Dezember abends kurz vor 8 Uhr brennen die Scheunen von Nicol Jacob Jahn und Martin Wilhelm lichterloh. Die umliegenden Wohnhäuser und Scheunen können geschützt werden. Zu Hilfe kommen die Spritzen mit Mannschaften aus Lichtenhain, Cursdorf und Deesbach, wobei die beiden letztgenannten in Reserve bleiben.

Wegen Verdachts auf Brandstiftung werden Gottfried Koch und Peter Lattermann verhaftet. Koch wird kurz darauf erhängt in der Fronfeste gefunden. Lattermann wird nach einiger Zeit aus der Haft entlassen und nimmt sich 1859 das Leben.

Wegen der schlechten Kartoffelernte steigen die Preise; die ärmere Bevölkerung leidet Hunger. In Oberweißbach, Cursdorf, Meuselbach, Unterweißbach und Katzhütte werden Suppenanstalten eingerichtet und die Portion Suppe zu 2 Kreuzern abgegeben. Sie besteht aus Reis, Erbsen, Graupen oder Linsen bzw. einem Gemisch derselben. Wer kein Geld hat, bekommt Flachs zum Spinnen, wobei der Verdienst mit der erhaltenen Suppe verrechnet wird. Die Beschaffung des Flachses erfolgte zu Lasten der Staatskasse, die auch evtl. Gewinne oder Verluste trägt.

Flachsfeld im Juni

Auch die Obsternte (Äpfel, Birnen und Kirschen) fällt sehr gering aus.

1852 – Am 5. und 6. Februar lässt starker Regen die Flüsse anschwellen. Die Schwarza richtet auf ganzer Länge Schäden an. In Oberhammer und Katzhütte reißt das Wasser mehrere Scheunen mit.

Am 19. Februar abends bis nach Mitternacht zeigt sich am Himmel ein prachtvolles Nordlicht.

Allein am 3. März wandern aus Böhlen 143 und aus Mellenbach 48 Menschen nach Brasilien aus. Sie haben freie Überfahrt, deren Kosten sie bei ihren neuen Arbeitgebern, Landwirten in Brasilien abarbeiten müssen.

Allgemein nehmen Auswanderung nach Nord- und Südamerika immer mehr zu. Ursachen sind Arbeitslosigkeit, Teuerung, Kartoffelfäulnis und Enttäuschung über die bestehenden politischen Verhältnisse nach dem Scheitern der 1848er Revolution.

Am 30. und 31. Juli wird von der Schützenkompanie und unter Aufsicht der Baumeister Georg Nicol und Traugott Appelfeller das Schießhaus (später Kulturhaus) gerichtet. Die Maurermeister sind Gottfried Franke und Andreas Schwabe.

1853 – Vom 7. bis 14. August findet das erste Vogelschießen in Anwesenheit von Fürst Friedrich Günther und Prinz Albert statt.

1854 – Am 7. Januar früh wird der 50-jährige ledige Christian Jacob Beyer erhängt aufgefunden. Obgleich bekannt als fleißig und sparsam waren bei einer Haussuchung durch das Fürstliche Amt am Vortag allerlei Gegenstände entdeckt worden, die, mit fremden Namen beschriftet, von Beyer angeblich gefunden worden sind.

Am 2. Juni nachmittags 2 Uhr zieht ein sehr starkes Gewitter aus Südost heran. Fast jeder Blitz schlägt ein, so etwa auf der Solwiese in einen Baum, desgleichen an der Zumaße. Im Pfarrtal zwischen Lichtenhain und Mellenbach wird ein Mann namens Georg Rauch aus Lichtenhain vom Blitz erschlagen. Ein Blitz trifft die Oberweißbacher Kirche, zerfetzt den Blitzableiter, richtet ansonsten aber nur geringen Schaden an.

Am 30. Juni wird der Amtmann Stieler, offenbar wegen Veruntreuung von etwa 1.000 Gulden, ins Kreisgerichtsgefängnis nach Rudolstadt abgeführt. Die am 7. November stattfindende Schwurgerichtsverhandlung in Eisenach spricht Stieler jedoch frei. Trotzdem wird der Amtmann entlassen und muss seine Amtswohnung Ende des Jahres mit seiner Familie verlassen und zieht später nach Rudolstadt.

Am 26. Juli, nachmittags halb 4 Uhr stürzt der sogenannte Schafstall, ein Wohnhaus am Markt, offenbar während laufender Reparaturarbeiten ein und muss völlig neu aufgebaut werden.

1855 – Am 12. Januar früh halb 5 Uhr geraten durch Unvorsichtigkeit einer Magd bei Färber Meister August Danz 30 bis 40 Pfund Baumwolle in Brand, die in der Stube zum Trocknen aufgehängt waren. Schnelle Hilfe verhindert eine Ausbreitung des Brandes.

Am 21. September, früh halb 9 Uhr wird ein starker Erdstoß verspürt.

In Oberweißbach gibt es 240 Häuser mit 1.880 Einwohnern.

1856 – Am 13. Mai Nachmittag 5 Uhr richtet ein starkes Unwetter mit Hagel und Starkregen erhebliche Schäden an den Feldern, besonders am Tännig und am Kirchberg an. Große Mengen von Schlossen und Erde wälzen sich die Berge herunter. Der Boden wird bis auf den Grund weggespült.

Am 2. Juni wird der kleine Sohn des Webermeisters Fischer nahe dem Felsenkeller von einem mit Steinen beladenen Wagen überrollt und dadurch getötet. Der Fuhrmann ist Valentin Oschmann, der Großvater des Jungen. Er wird wegen fahrlässiger Tötung zu 4 Wochen Arrest verurteilt.

1857 – Am 24. Mai vernichtet ein Brand den gesamten Ortskern von Oberweißbach. Siehe dazu den gesonderten Beitrag!

1857 – Am Sonntag, dem 7. Juni nachmittags, 15 Minuten nach 3 Uhr wird hier ein starker Erdstoß verspürt, der 5 bis 6 Sekunden anhält. Am darauffolgenden Montag (8. Juni) folgt morgens gegen 8 Uhr ein weiterer Erdstoß.

1857 werden Ahorn und Eschenbäume auf dem Hügel angepflanzt. Gleiches ge-schieht die Treibe hinab bis zum Felsenkeller.

1857 wird auf dem ehemaligen Scheitgarten eine Zündholzfabrik errichtet (Paris), aber schon 4 Jahre später wieder aufgegeben. Grund war offenbar das Fehlen von Espenholz, der einzigen Holzart, die damals für die Herstellung von Zündhölzern infrage kam. Der Scheitgarten wird auf die Burg verlegt.

Viehbestand 1856/57: 208 Rinder, 0 Schafe, 5 Pferde, 140 Schweine, 188 Ziegen.

1858 – Am 6. März tobt ein starker Schneesturm. Ein junger Mann namens Seyfahrt aus Cursdorf erfriert auf dem Rückweg von Königsee zwischen Glasbach und Mellenbach.

Am Sonnabend, dem 29. Mai nachmittags 5 Uhr bricht in der die neue Zündholzfabrik von Robert Obstfelder in Cursdorf nahe dem sogenannten Hirtenteich Feuer aus, das jedoch schnell gelöscht werden kann.

Am 4. und 5. Juli nimmt der Oberweißbacher Gesangverein an einem großen Sängerfest in Rudolstadt teil.

Das für den 11., 12. und 18. Juli angesetzte „Vogel- und Hauptscheibenschießen“ muss wegen unwetterartigen Regens auf den 18., 19. und 25. des Monats verlegt werden, läuft dann aber „zur Zufriedenheit der hiesigen Schützengesellschaft“ ab.

Bis zum 18. Oktober 1858 ist der anfangs nur als Nebelfleck, später zeitweise sehr helle Komet C/1858 L1 Donati im Nordwesten zu sehen.

Der Komet ist der erste, der auf einer Fotografie festgehalten wird (28. September von William Usherwood, tags darauf von William Cranch Bond). Die Bahn dieses Kometen verläuft fast senkrecht zur Ekliptik (Bahnebene der Planeten). Er wird vermutlich um das Jahr 3.600 wieder in Erdnähe auftauchen.

Im Laufe des Sommers werden zahlreiche im Mai 1857 niedergebrannte Wohnhäuser schöner als zuvor wiederaufgebaut. Wer genau hinschaut kann insbesondere auf der nördlichen Straßenseite vom Markt abwärts am Baustil auch heute noch erkennen, welche Gebäude gemeint sind.

In der Nacht vom 4. zum 5. Dezember ist ein prachtvolles Nordlicht zu sehen.

Auf Grund amtlicher Unterlagen des Jahres 1858 nennt Berhold Sigismund in seiner „Landeskunde des Fürstenthums Schwarzburg-Rudolstadt“ für Oberweißbach:

  • 243 meist zweistöckige Privathäuser,
  • 1 Kirche,
  • 2 Schulen mit 6 Klassen,
  • 181 männliche + 183 weibliche Schüler,
  • das Amtshaus mit Fronfeste,
  • 1 Apotheke,
  • 2 Gasthöfe,
  • 13 Kommunalgebäude, darunter Schießhaus und Felsenkeller,
  • 869 Einwohner (856 männlich + 1013 weiblich),
  • im Jahr 1861 = 1912 Einwohner,
  • 2 Geistliche,
  • 2 Lehrer,
  • 1 Arzt,
  • 1 Förster,
  • 2 Kaufleute,
  • 6 Krämer,
  • 6 Laboranten,
  • 87 Olitätenhändler,
  • 25 Porzellanmaler,
  • 18 Schneider,
  • 6 Schuhmacher,
  • 110 männliche + 165 weibliche Tagelöhner, meist im Forst tätig,
  • Singverein,
  • Turnverein,
  • Schützengesellschaft,
  • 31 Güter, von denen bei guter Ernte aber nur 1/3 das „Jahrbrot“ erbringen, d.h. die Familie 1 Jahr lang ernähren, bei schlechter Ernte keines.

In Mittelweißbach leben 1858 = 174 Einwohner in 25 Häusern. Zum Ort gehören 7 Güter. Es gibt mehrere „Schankstätten“ (!), ein Brauhaus, eine eigene Feuerspritze und einen Brunnen.

Diese Angaben muss man angesichts der Situation anno 2020 erst einmal "verdauen"!

1859 – Mit dem 1. Januar wird das preußische Gewicht (Zollgewicht) in fast allen deutschen Staaten eingeführt, nach welchem:

  • 1 Zentner = 100 Pfund
  • 1 Pfund = 30 Lot
  • 1 Lot = 10 Quentchen = 16,687 g
  • 1 Quentchen = 10 Cent = 1,6687 g
  • 1 Cent = 10 Korn = 0,1669 g.

Die zweifelsohne vorhandenen Vorteile werden zunächst durch die hohen Kosten der Umstellung etwas getrübt. Zudem missfällt die mit der Umstellung verbundene Eichpflicht wohl so manchem schwarzem Schaf unter den Händlern.

Am 26. Mai zerstört ein heftiges Gewitter mit Hagel Felder, Gärten, Wiesen und viele Feldfrüchte.

Am 3. Juni folgt ein weiteres schweres Gewitter, das die notdürftig wiederhergestellten Äcker und Gärten erneut vernichtet und besonders im Weidig und in der Gabel Schäden anrichtet.

Am 4. Juni ereignet sich im Hof des Apothekers Schönau ein grausamer Unfall, als Kinder sich an der Bremse eines mit Schutt beladenen Wagens zu schaffen machen. Dadurch kommt der Wagen rückwärts ins Rollen und zerquetscht dem 7-jährigen Knaben Eichhorn an der Treppe des Hauses den Kopf.

Am 10. Juni verwüsten erneut schwere Gewitter die Felder und Wiesen.

Am 27. Juni wird der Leichnam des „berüchtigten“ Peter Lattermann im Tal unterhalb Oberweißbach aufgefunden. Er hat sich vermutlich durch einen Schnitt in den Hals selbst getötet. Damit haben beide, im Jahre 1851 der Brandstiftung Verdächtige ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Die Monate Juni, Juli, August und September sind sehr trocken und heiß. Viele Brunnen versiegen, der Bach trocknet fast völlig aus. Es herrscht großer Wassermangel.

Am 20. Oktober wird die neue, von Zimmermeister Richter aus Königsee erbaute Mädchen- und Elementarschule eingeweiht. Bis dahin wird – nach dem Brand 1857 – nur in der Knabenschule und zeitweise im Schönauschen Gartenhaus Schule abgehalten – und zwar vormittags für die Jungen und nachmittags für die Mädchen.


Apotheke, dahinter das Schönausche Gartenhaus, 
links das sog. "Trautners Haus"
Zeichnung aus August Elsässers "Das Kirchspiel Oberweißbach im Wandel der Zeiten" 


In der Nacht vom 1. zum 2. November wütet ein heftiger Sturm. Das im Bau befindliche Wohnhaus des „berüchtigten“ Drechselmeisters Johann Michael Walther über der Burg stürzt ein; das Gebälk wird völlig zertrümmert.

Am 10. November wird Friedrich Schillers 100. Geburtstag gefeiert. Zu dieser Zeit ist Schiller noch berühmter als Goethe.

1860 – Am 7. Februar erfriert ein Mann aus Rohrbach nahe Meura.

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar erleidet der Oberweißbacher Friedrich Florschütz das gleiche Schicksal. Er ist auf dem Rückweg von Schmalenbuche, als er nahe der Cursdorfer Treibe ermüdet liegenbleibt und erfriert.

Am 26. Februar findet im Schießhaus (später Kulturhaus) der erste große Maskenball statt.

Im Februar und März gibt es starke Schneefälle mit Sturm. Das Wild hungert, wird teilweise eingefangen und in Ställen gefüttert.

Zu Ostern wird die Elementarschule (Grundschule) als dritte Oberweißbacher Schule errichtet.

Am 1. Juli bekommt die Gemeinde Oberweißbach einen Kommunalförster.

Am 16. November abends halb 7 Uhr: Durchfahrt des ersten Eilwagens von Eisfeld über Neuhaus nach Schwarzburg und Rudolstadt zum Anschluss an die Eisenbahn in Weimar. Damit ist Oberweißbach an die Personenpost angeschlossen.

Am 17. November früh 2:00 Uhr kommt die Personenpost in umgekehrter Richtung hier durch.

Im November tritt die Liedertafel ins Leben.

1861 – Am 13. Mai schlägt der Blitz in den Kirchturm ein, richtet jedoch keinen Schaden an.

Am 4. und 5. August findet in Oberweißbach ein Preis-Turnfest mit Preis- und Schauturnen statt.

Am 8. und 9. Mai werden zwei versuchte Brandstiftungen entdeckt (zwischen den Scheunen von Laborant Möller und dessen Nachbarn Bräutigam).

Am 30. September wird Färbermeister Traugott Worm zum Feuerlöschdirektor bestellt.

Am 2. Dezember wird die Justizamtskasse bestohlen.

Viehbestand: 210 Rinder, 0 Schafe, 11 Pferde, 164 Schweine, 290 Ziegen.

1862 – Am 7. Februar 1862 stirbt Christian Gottfried Kiesewetter, der über Jahrzehnte aus eigenem Interesse umfangreiche Aufzeichnungen zur Oberweißbacher Chronik geführt hat. Sie gehen weit über die hier dargestellten Ereignisse hinaus. Ausführliche Wetterdaten, Angaben zum Gesundheitszustand von Mensch und Tier, Aufzeichnungen zur Entwicklung der Preise und der Kaufkraft sowie detaillierte Berichte über die jährlichen, für die Menschen in unseren Höhenlagen so wichtigen Ernten finden hier aus Gründen der Übersichtlichkeit nur zum Teil Berücksichtigung. Das Original jedoch ist ein geradezu unschätzbares Dokument für die Forschung.

1863 – Am 13. Oktober nachts gegen 11 Uhr kommt es im unteren Ort von Cursdorf zu einem verheerenden Brand, bei dem 21 Häuser und 9 Scheuem zerstört werden. 36 Familien verlieren ihr Obdach.

In diesem Jahr gibt es in Oberweißbach:

  • 2 Geistliche,
  • 2 Lehrer für ca. 350 Schüler,
  • 1 Arzt,
  • 1 Förster,
  • 2 Kaufleute,
  • 6 Krämer,
  • 6 Laboranten,
  • 87 Olitätenhändler,
  • 25 Porzellanmaler,
  • 18 Schneider und
  • 6 Schuhmacher.

1864 – Am 6. Februar zerspringt während des morgendlichen Läutens die kleine Glocke. Sie wird noch im gleichen Jahr durch den Glockengießer Mayer in Rudolstadt umgegossen.

Am 30. Mai wird erstmals ein Bezirksschornsteinfegermeister für Oberweißbach bestellt, und zwar Carl Fischer aus Leutenberg. Zuständig ist er für den Amtsbezirk Oberweißbach mit Ausnahme von Meuselbach.

1867 – Im Jahr 1867 wird oberhalb der Cursdorfer Treibe das spätere Wirtshaus „Zur Leimrute“ erbaut.

Im April erhält Oberweißbach eine eigene Sparkassen-Verwaltung.

1870 – Am 15. Juli tritt für Oberweißbach eine Feuerwehrordnung in Kraft, die den Aufbau einer Pflichtfeuerwehr vorsieht. Dieser sollen alle männlichen Einwohner vom 17. bis 50. Lebensjahr angehören.

In den Jahren 1870 – 1880 wird der am Kirchberg oberhalb der Gasse befindliche Bierkeller gebaut. Dabei kommen auch italienische Bergarbeiter zum Einsatz.

1871 – Am 7. März abends 11 Uhr brennen Haus und Scheune von Wilhelm Nicolai (neben der Mühle) ab (vermutete Brandstiftung).

Am 19. Oktober, früh 2 Uhr bricht im Hintergebäude bei Reinhold Walther Feuer aus. Haus und Scheune sowie die Scheune und Ställe des Gastwirtes Preunel brennen ab. Die Brandursache bleibt ungeklärt.

1872 – (ohne Datum, ziemlich sicher aber am 6. März) wird in ganz Thüringen ein Erdbeben verspürt.

Am 16. März abends 10 Uhr misslingt eine versuchte Brandstiftung in der Scheune von Christoph Bock. Das Feuer wird entdeckt, bevor es um sich greifen kann.

Am 21. April erfolgt in Oberweißbach die erste bekannt gewordene Ehrung für Friedrich Fröbel (90. Geburtstag). Dabei wird eine Gedenktafel am Fröbelhaus angebracht. Heinrich Langethal, Fröbels Freund und Mitarbeiter, hält die Festrede.

Am 29. September wird in Oberweißbach eine vierte Schulklasse eingerichtet. Dafür wird der Lehrer Kemter aus Oberhain angestellt.

1873 – 26. August: großer Cursdorfer Brand. Hierzu fehlen mir noch weitere Angaben.

Am 2. November früh 1/2 8 Uhr bricht in der Scheune des Laboranten Möller Feuer aus. Die Scheune sowie diejenigen von Bäcker Bock und Friedrich Löchner brennen ab. Von Hintergebäude und Scheune des Laboranten Möller brennen die Dächer ab, die Scheune des Registrators Bräutigam wird an der unteren Seite beschädigt.

1877 – In diesem Jahr wird die Beseitigung der Holzschlote und Schindeldächer verfügt.

1879 – Oberweißbach wird an das Telegrafennetz angeschlossen.

1879 – wird eine neue Spritze angeschafft.

1885 – Zu Ostern wird in Oberweißbach eine fünfte Schulklasse eingerichtet.

Am 5. August abends kurz nach elf Uhr brennen Scheune, Haus und Hintergebäude des Handelsmannes Ernst Wölker sowie die Scheune von August Preunel. Die Feuerwehr ist sehr schnell vor Ort, so dass noch Schlimmeres verhindert werden kann. Als Brandursache wird Brandstiftung vermutet.

Am 5. September wird durch die „stille Wache“ an der hinteren Seite der Scheune des Bäckers Albert Köhler Feuer bemerkt und noch im Entstehen gelöscht. Es erhärtet sich der Verdacht auf Brandstiftung durch den im Sommer seines Amtes enthobenen Schultheißen Liborius Liebmann, der schließlich auch gesteht und am 16. Dezember vom Schwurgericht zu Gera zu 4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrenverlust verurteilt wird. Zwar wird vermutet, dass Liebmann auch für die Brandstiftung am 5. August verantwortlich ist, jedoch kann ihm dies nicht nachgewiesen werden; auch hat das Gericht hierbei wohl berücksichtigt, dass sich Liebmanns Haus in unmittelbarer Nähe des Brandortes befindet, wodurch er sich selbst gefährdet hätte.

1886 – Erste Versuche einer Straßenbeleuchtung mit Öllampen.

1887 – In diesem Jahr regt Richard Trautner die Gründung eines Fröbelvereins und den Bau des Fröbelturmes an. Der Verein wird am 21. April im Felsenkeller gegründet.

1887 wird mit dem Umbau der Gemeindescheune am Lichtenhainer Weg zur Schule begonnen.

1888 – Am 21. April, Fröbels 106. Geburtstag, wird der Grundstein zum Fröbelturm gelegt.

Am 25. Juni vormittags kurz nach 9 Uhr bricht im Stall des Albert Müller (Haus Nr. 112) Feuer aus, kann jedoch noch im Entstehen gelöscht werden.

Am 18. Oktober wird die neue Schule (Lichtenhainer Weg) eingeweiht.

Im Jahr 1888 beginnt auch der Kampf um die Erhaltung des Fröbelhauses. Es wird der Bau eines neuen Pfarrhauses an Stelle der späteren Schwesternstation (Rudolstädter Straße 77) vorgeschlagen, aber nie ausgeführt.

1889 – Am 12. Juni wird in Oberweißbach der erste Fröbelkindergarten eingeweiht. Er befindet sich in der Mädchenschule (später ZAS, heute AWO Seniorenheim) und wird von 15 Jungen und 17 Mädchen besucht.

1890 – Am 27. Juli wird der Fröbelturm eingeweiht.

1892 – In diesem Jahr wird die bis dahin selbständige Gemeinde Mittelweißbach nach Oberweißbach eingemeindet.

Am 4. März Mittag 12 Uhr brennt das Haus der Witwe Pauline Müller vollständig nieder. Die Brandursache kann nicht ermittelt werden.

Am 6. November stellen (vermutlich sowohl) der erste Oberweißbacher Fröbelkindergarten als auch der Fröbelverein ihre Tätigkeit ein.

1895 – Am 16. April in der Nacht 11 ½ Uhr brennen die Scheunen des Handelsmannes Hilmar Bock und der Witwe Wilhelmine Löchner ab. Die Brandursache bleibt ungeklärt

Am 1. September Vormittag 8 ½ Uhr kommt es bei der Herstellung von Leuchtfeuermasse in der Apotheke zu einer Explosion. Die Apotheke brennt vollständig nieder. Der Apotheker Hopfe und der Provisor Traugott Eberhardt kommen ums Leben.

1896 – Am 17. März Vormittag ½ 6 Uhr kommt es zu einem Dachstuhlbrand beim Fleischer Ernst Vogelmann (vormals Gottfried Himmelreich). Das Feuer entstand vermutlich beim Räuchern mit Sägespänen in der Räucherkammer.

1898 – Am 19. Januar abends 9 ½ Uhr bricht im Dachstuhl des Wohnhauses Reinhold Henkel Feuer aus. Dieses sowie das Wohnhaus des Schumachers Ernst Trinks brennen vollständig nieder. Die Brandursache kann nicht ermittelt werden.

Im Jahr 1898 beziehen die Gemeindeschwestern ihr neues Domizil (Matthildenstift) in der Rudolstädter Straße 77.

Die Kegelbahn mit Biergarten (heute Katholische Kapelle) wird wiederaufgebaut.

1900 – Am 26. Februar Nachmittag 6 ½ Uhr brennt die Scheune des Restaurateurs Emil Lotze nieder. Es besteht der Verdacht auf Brandstiftung.

Am 7. April Vormittag 11 Uhr kommt es zu einem Dachstuhlbrand beim Böttcher Louis Marquardt, ausgelöst vermutlich durch einen vorhergehenden Schornstein-brand.

Am 11. April nachmittags 6 Uhr bricht im Stall des Pfarrhauses (heute Fröbelmuseum) Feuer aus, kann aber im Entstehen gelöscht werden.

Am 12. April bricht im Pfarrhaus abermals Feuer aus, diesmal in der hinteren Stube des Seitengebäudes. Auch dieser Entstehungsbrand verläuft glimpflich. Die Ursache beider Brände konnte nicht geklärt werden.

Im Jahr 1900 wird der Betrieb der Schwarzatalbahn Blankenburg – Katzhütte eröffnet.

***

 

07 Juni, 2020

Oberweißbach brennt!

Am 24. Mai 1857, früh halb 2 Uhr kommt es zur größten Brandkatastrophe in der Geschichte Oberweißbachs. Ein Feuer, ausgebrochen auf der Südseite der Straße, im Stall hinter dem Wohnhaus des Ökonomen Ludwig Holzhey, verbreitet sich rasend schnell und erfasst in kurzer Zeit Diakonat, Gemeindegasthof und Brauhaus, springt, von heftigem Südostwind getrieben, auf die Nordseite über und vernichtet auch dort zahlreiche Wohnhäuser, Scheunen und Nebengebäude. Betroffen ist der gesamte Bereich vom Markplatz abwärts bis zur Apotheke auf beiden Straßenseiten. Binnen einer Stunde gleicht die Oberweißbacher Ortsmitte einem Feuermeer.

Die meisten Gebäude sind noch mit Schindeln gedeckt. Löschversuche sind wegen der enormen Hitze und der Gefahrenlage völlig unmöglich. Die Feuerwehr versucht daher, dem Brand nach unten und oben Einhalt zu gebieten. Binnen 3 Stunden wird der gesamte Ortskern von Oberweißbach vernichtet.

Zeichnung aus "Elsässer, das Kirchspiel Oberweißbach im Wandel der Zeiten" - beschriftete Skizze folgt demnächst

Die Feuerwehr ist quasi in zwei Teile getrennt – niemand kommt vom oberen in den unteren Ort oder umgekehrt.

Panik bricht aus. Menschen handeln völlig plan- und ziellos. Jeder versucht, zu retten, was noch zu retten ist. In ihrer Angst greifen die Menschen nach völlig unwichtigen Sachen, lassen aber das Lebensnotwendige oder Wertvolle liegen. Der Chronist Kiesewetter berichtet von einem Mann, der in Hemd und Hosen aus seinem brennenden Haus flieht und nichts weiter retten kann, als seinen Stiefelknecht.

Das sich immer mehr ausbreitende Feuer ist völlig unberechenbar, da sich der Wind ständig dreht. Neugierige behindern die Lösch- und Rettungsarbeiten. Es kommt zu Plünderungen der bereits geborgenen Habseligkeiten. Bereits gerettet geklaubte Habe verbrennt später doch noch, weil sich das Feuer immer weiter ausbreitet.

Alles läuft wild durcheinander. Menschen schreien, Tiere brüllen, orientierungslos herumlaufendes Rindvieh wird zu einer zusätzlichen Gefahr.

Nach und nach treffen von drei Seiten immer mehr auswärtige Spritzen mit ihren Mannschaften ein:

  • 1. Cursdorf,
  • 2. Lichtenhain,
  • 3. Deesbach,
  • 4. Meuselbach,
  • 5. Mellenbach,
  • 6. Katzhütte,
  • 7. Unterweißbach,
  • 8. Sitzendorf,
  • 9. Schwarzburg,
  • 10. Allendorf,
  • 11. Unterhain,
  • 12. Oberhain,
  • 13. Egelsdorf,
  • 14. Allersdorf,
  • 15. Dröbischau,
  • 16. Herschdorf,
  • 17. Wildenspring,
  • 18. Böhlen,
  • 19. Gillersdorf,
  • 20. Mankenbach,
  • 21. Bechstedt,
  • 22. Königsee,
  • 23. Meura,
  • 24. Wittgendorf,
  • 25. Döschnitz,
  • 26. Breitenbach,
  • 27. Neuhaus,
  • 28. Lichte,
  • 29. Rohrbach,
  • und außerdem 30. noch eine kleine Spritze von Schmalenbuche.

In weniger als 2 Stunden werden schließlich 26 Wohnhäuser, fast ebenso viele Nebengebäude und 20 Scheunen vernichtet, darunter einige, die, um die Feuerwalze zu stoppen, vorsorglich abgerissen werden.

Die Brandstätte erstreckt sich vom Pfarrhaus (heute Fröbelmuseum) abwärts bis zum Metzger Himmelreich, auf der anderen Straßenseite von der Wagnergasse (heute Lichtenhainer Straße) abwärts bis an Georg Pabsts und Worms Wohnung. In der Mitte der Straße brennen das Diakonatsgebäude, das Laboratorium von Nicolaus Liebmann ganz und der Gemeindegasthof teilweise nieder. Wie durch ein Wunder sind keine Menschenleben zu beklagen.

Der Gesamtschaden beträgt 140.000 Gulden, wovon nur etwa die Hälfte durch Versicherungen gedeckt ist. Etwas 2.200 Gulden gehen an Unterstützungen aus nah und fern hier ein.

Dazu kommen einige unerwartete „Sachwerte“, die als Folge großflächig angelegter Haussuchungen im gesamten Ort wiederauftauchen. Besonders unterhalb der Brandstätte und in Mittelweißbach wird man fündig – die Diebe erwarten hohe Strafen.

Nach dem Brand

… zeigt sich das wahre Gesicht so manches Zeitgenossen. Es kommt zu einem Streit darüber, ob der ehemals in der Mitte der Straße gelegene Gemeindegasthof wiederaufgebaut oder ein in der Nähe befindliches Gebäude des Laboranten Wilhelm (heutige „Schenke“) zu diesem Zwecke erworben werden soll.

Beide Vorschläge finden das Missfallen des Gastwirtes Ferdinand Koch („Goldener Anker“), der wohl geglaubt hat, durch den Brand einen lästigen Konkurrenten losgeworden zu sein. Derselbe begibt sich deshalb unverzüglich zum derzeit amtierenden Landrat, dem Assessor Holleben nach Schwarzburg.

Am 20. August erscheint Holleben in Oberweißbach, nachdem er bei Strafe von 50 Gulden jegliche weitere Tätigkeit der Gemeinde in dieser Sache untersagt hat. Sein Auftreten im hiesigen Felsenkeller („Kraft meines Amtes …“, „die Gemeinde hat nichts zu beschließen…“) kommt einer Entmündigung der Gemeinde gleich und wird von den Einwohnern entsprechend quittiert. August Jahn, ein Ortsbürger wagt es, Holleben zu korrigieren und soll daraufhin vom Gendarm in Arrest genommen werden. Jahn jedoch bleibt ganz ruhig und weist darauf hin, dass er ortsansässig sei, woraufhin der Gendarm von der Verhaftung absieht. Als schließlich Heinrich Franke Holleben auf sein Benehmen hinweist („Herr Assessor, bei unseren Gemeindeversammlungen ist es nicht erlaubt, sich so zu benehmen und auf den Tisch zu schlagen.“) kommt es zum Handgemenge. Gastwirt Koch, der wohl nicht mit einem solchen Widerstand gerechnet hat, reißt Franke zu Boden. Aber auch der bleibt ruhig und wird lediglich der Versammlung verwiesen.

Holleben verlässt daraufhin wütend die Versammlung und der Gemeinderatsvorsitzende, Advokat Hopfe, setzt seinen Vortrag fort. Die folgende namentliche Abstimmung ergibt eine Mehrheit für den Ankauf des Wilhelmschen Hauses, nicht zuletzt deshalb, weil auf diese Weise der neue Gemeindegasthof noch im Herbst in Betrieb gehen kann.

Die Sache ist indes nicht ausgestanden. Auf Betreiben Hollebens rücken 25 Mann Militär in Oberweißbach ein. August Jahn wird verhaftet und in die Fronfeste gebracht. Der Assessor indes veranstaltet im Schönauschen Gartenhaus eine makabre Inszenierung, bei der nochmals über Neubau oder Ankauf des neuen Gemeindegasthofes abgestimmt wird. Das Gartenhaus wird dabei vom Militär umstellt. Die Oberweißbacher lassen sich jedoch nicht einschüchtern, auch nicht dadurch, dass diejenigen, die für den Ankauf sind, das Haus durch die Vordertür (offenbar direkt in die Hände der Soldaten), die anderen aber durch die Hintertür verlassen müssen. Das Ergebnis der Abstimmung fällt wiederum zu Gunsten des Ankaufs aus.

Aus Rudolstadt trifft unterdessen Staatsanwalt Schäfer ein – und entlässt Jahn umgehend aus der Haft. Das Militär rückt ab. Das Fürstliche Kreisgericht beschließt die Beilegung der Sache.

Holleben indes gibt noch immer nicht auf und geht vor das Appellationsgericht in Eisenach. August Jahn wird 1858 doch noch zu 7 Wochen Gefängnis und zwei Drittel der Kosten verurteilt; Heinrich Franke bekommt 4 Wochen Gefängnis und muss ein Drittel der Kosten tragen. Erst 1859 tritt Jahn seine Strafe in Rudolstadt an, sitzt jedoch nur 3 Wochen ab, während Franke 14 Tage Arrest in der Fronfeste verbüßt.

Weder der alte Gemeindegasthof in der Mitte der Straße noch das Diakonat werden wiederaufgebaut.

Am 23. September wird der neue Gemeindegasthof „Zum Erbprinz“ (heute „Schenke“) eröffnet. Er wird – wie schon der alte Gemeindegasthof – von der Familie Preu-nel betrieben.

Am 1. Oktober lässt Ludwig Holzhey, bei dem das Feuer am 24. Mai ausgebrochen war, sein neues Haus aufrichten (wahrscheinlich das heutige 2. Haus unterhalb der Gasse). Es ist das erste Wohnhaus auf der Brandstätte; vorher waren bereits 5 Scheunen neu gebaut worden.

***


06 Juni, 2020

1848 – Revolution!

Die Gesamtlage

Am 27. Februar beginnt die Badische Revolution, die im März die meisten deutschen und zahlreiche europäische Ländern erfasst. Ziele sind u. a.

  • Einberufung einer Nationalversammlung als
  • verfassungsgebende Versammlung für einen
  • einheitlichen deutschen Nationalstaat.
  • Volksbewaffnung
  • Pressefreiheit
  • Garantie der Menschen- und Bürgerrechte
  • Schwurgerichte nach englischem Vorbild.

Von Anfang an gibt es unterschiedliche Ansichten über den Zuschnitt eines künftigen deutschen Staates zwischen linken und konservativen Kräften. Erstere fordern den Sturz der deutschen Monarchien (Fürsten) und die Errichtung einer demokratischen Republik. Die konservativen Kräfte stehen für eine konstitutionelle gesamt-deutsche Monarchie unter Beibehaltung der Fürstenhäuser und gleichzeitiger Reformen.

Zunächst steht der Bundestag des Deutschen Bundes im Zentrum der revolutionären Spannungen. Er ist das höchste Organ des Deutschen Bundes mit Gesandten aus allen deutschen Einzelstaaten. Unabhängig davon bildet sich das Vorparlament aus Abgeordneten der Parlamente der Einzelstaaten.

Aus Angst vor gewaltsamen Ausschreitungen beschließt der Bundestag bereits am 9. März Schwarz-Rot-Gold als deutsche Bundesfarben. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. sieht sich gezwungen, am 21. März hinter einer Schwarz-Rot-Goldenen Flagge durch Berlin zu reiten.

Germania

Auf Vorschlag des Vorparlamentes folgt Ende März/Anfang April 1848 der Beschluss des Bundeswahlgesetzes für eine konstituierende deutsche Nationalversammlung. Diese tritt am 18. Mai 1848 erstmals zusammen. Die von ihr erarbeitete erste deutsche Reichsverfassung sieht eine konstitutionelle Monarchie (ähnlich den heutigen Monarchien etwa in Großbritannien oder den Niederlanden) unter einem deutschen Kaiser vor. Dafür vorgesehen ist der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der die Verfassung ebenso wie die Kaiserkrone jedoch ablehnt, weil sie seiner Ansicht nach in Wirklichkeit eine „Hundeleine“ sei, mit der er an die 1848er Revolution gekettet werden solle.

Daraufhin wählt die Nationalversammlung am 29. Juni 1848 als „Ersatzmonarchen“ den ersten und einzigen Reichsverweser des inzwischen still und leise so genannten Deutschen Reiches: Erzherzog Johann von Österreich.

Um die zunächst erreichten „Märzerrungenschaften“ vor allem gegen den wachsenden Druck Preußens zu schützen, gründete sich am 21. November 1848 der „Centralmärzverein“ (CMV), hinter dem etwa 40 % der Mitglieder der Nationalversammlung stehen. In einem dramatischen Aufruf vom 6. Mai 1849 ruft der Verein alle freien Männer auf, einen Schwur auf die Verfassung zu leisten und nötigenfalls zu den Waffen zu greifen, um die Freiheit und Einheit des Vaterlandes zu verteidigen. Der Aufruf ist das Ergebnis eines Kongresses „sämtlicher Märzvereine Deutschlands“ vom gleichen Tage unter Vorsitz von Julius Fröbel, einem Neffen von Friedrich Fröbel.

Julius Fröbel

Am 26. Mai 1849 schließen Preußen, Sachsen und Hannover das sogenannte Dreikönigsbündnis mit dem Ziel, die deutsche Einheit unter preußischer Führung zu erzwingen. Fünf Tage später findet die letzte Sitzung der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt statt, danach zieht das sogenannte Rumpfparlament (nachdem Preußen die Mandate seiner Abgeordneten für erloschen erklärt hat) nach Stuttgart um.

Am 20. Dezember 1849 übergibt Reichsverweser Erzherzog Johann seine Machtbefugnisse einer sogenannten Bundeszentralkommission, die die Befugnisse einer Provisorischen Zentral Regierung für Deutschland ausübt und in der Preußen und Österreich zusammenarbeiten, um den Deutschen Bund von 1815 wiederherzustellen.

Lage im Fürstentum Schwarzburg – Rudolstadt

6. und 8. März 1848: Rudolstädter Bürger verfassen eine Petition an den Fürsten.

10. März 1848: Der Fürst weist eine Deputation zur Übergabe von Forderungen ab. Daraufhin empört sich die versammelte Volksmenge und stürmt ein Regierungsgebäude, in dem 600 – 800 Gewehre lagern. Türen und Fenster werden eingeschlagen und die Waffen verteilt. Der Fürst gibt nach und erklärt:

„Ich, Friedrich Günther, Fürst zu Schwarzburg pp. gebe auf die von einer Deputation heute früh Mir überreichte Eingabe in nachstehendem Meine Bescheidung:


 

  • ad 1. Die Berufung eines Bürgerlichen in das Geheime-Raths Collegium wird genehmigt.
  • ad 2. Die Verantwortlichkeit der Mitglieder des Geheimen-Raths Collegii unter Leistung des Eides auf die zu erweiternde Constitution (Verfassung – M. L.) wird ebenfalls genehmigt und soll einen Gegenstand der Beratung mit dem sofort einzuberufenden Landtage bilden.
  • ad 3. Wegen Verabschiedung der gegenwärtigen Mitglieder des Geheimen Raths-Collegii behalte ich mir, besonders auch wegen dermaliger Abwesenheit des Geheimen Raths von Witzleben, weitere Resolutionen vor.
  • ad 4. Unbedingte Pressfreiheit wird zugestanden, wie in deri übrigen deutschen Staaten.
  • ad 5. Allgemeine Volksbewaffnung wird genehmigt, wie dieselbe in Bezug auf hiesige Stadt bereits ins Leben getreten ist.
  • ad 6. Öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren mit Schwurgerichten wird eingeführt werden, wie in den benachbarten Staaten.
  • ad 7. u. 8. Werde ich meines Theils gerne dahin wirken, daß der Bundestag eine veränderte Organisation erhalte, die das deutsche Volk mit allgemeinem Zutrauen begrüßt, auch das der Sitz des Bundestages (bisher in Frankfurt) in die Mitte von Deutschland verlegt werde.
  • ad 9. Der gegenwärtige Landtag soll aufgelöst und sofort eine neue Ständewahl nach dem ausgesprochenen Wunsche angeordnet werden.
  • ad 10. Der Antrag auf Ablösung der Feudallasten wird genehmigt und sind diesfällige Verhandlungen zum Theil bereits im Gange.
  • ad 11. Besteuerung des steuerfreien Grundbesitzes liegt ohnehin schon in der Absicht des Gouvernements.
  • ad 12. Auch ich fühle das Drückende der gegenwärtigen Abgabe vom Salze, besonders für die armen Unterthanen und werde nach Kräften für Aufhebung dieser Abgabe besorgt sein.
  • ad 13. Wird auch möglichste Ausgleichung der Unterthanen-Preise bezüglich des Holzes nach billigen Rücksichten, Bedacht genommen werden.
  • ad 14. Eine Verminderung des Wildes, insbesondere der Hasen, in dem Maße, daß gerechte Klagen über Wildschaden nicht weiter stattfinden können, wird hiermit verheißen.

Ich versichere zugleich mit Meinem Fürstlichem Worte die treuste Erfüllung aller hier gemachten Zusagen und beauftrage die Behörde, diese Meine Entschließung sofort durch den Druck zu vervielfältigen.

So geschehen, Rudolstadt, den 10. März 1848

L. S. Friedrich Günther F. z. S.“

Lage in Oberweißbach

11. März 1848: Im Gemeindegasthof randalieren 10 – 12 junge Leute. 2 Lehnbänke, 3 Tische und 6 – 8 Stühle werden zerschlagen. Dazu der Chronist Kiesewetter:

„Der Freiheitsschwindel, welcher in Frechheit ausgeartet war, verleitete an mehreren Orten, so auch hier, das Volk zu Unfertigkeiten.“

Eine nächtliche Sicherheitswache wird eingerichtet, die aus 12 – 40, zeitweise sogar aus 100 Mann besteht und regelmäßig exerziert.

16. März 1848: Versammlung der Schultheißen aus den Ämtern Oberweißbach und Königsee. Verhandlung und Beschluss einer Petition an den Fürsten.

17. März 1848: Eine Deputation, bestehend aus Vertretern der Orte Oberweißbach, Scheibe, Alsbach, Oberhain, Unterhain, Meura, Böhlen, Mellenbach, Cursdorf, Dröbischau, begibt sich nach Rudolstadt und erscheint dort gegen 10:00 Uhr auf der Heidecksburg. Der Fürst lässt die Deputierten bis 13:00 Uhr warten; es folgt eine 1 ½-stündige, „sehr trauliche“ Unterredung, bei welcher die Abgesandten jedoch deutlich machen, nicht ohne „Fürstliche Bescheidung“ abreisen zu wollen. Im Gasthof „Zum Ritter“ wird anschließend weiterverhandelt. Es kommt zu folgendem Ergebnis:

Fürstliche Bescheidung auf die Petition der Waldbewohner

"Ich, Friedrich Günther, Fürst zu Schwarzburg pp. gebe auf die von einer Deputation der Waldortschaften heute Mir überreichte Eingabe in folgendem Meine Fürstliche Bescheidung:

  • ad 1. Die Aufrechthaltung meiner Erklärung vom 10. d.M. kann bei der ertheilten Zusage keinem Zweifel unterliegen.
  • ad 2. Die Vereinigung der Verwaltung des Cammeralvermögens mit der des Landesvermögens und die Annahme einer Civilliste für mein Fürstliches Haus liegt in meiner ernstlichen Absicht und soll mit dem demnächst sich zu versammelnden Landtage das Nähere dieserhalb verhandelt werden.
  • ad 3. Der Antrag wegen eines neuen Wahlgesetzes für den Landtag, für welchen die Bewohner des Fürstenthums nicht nach den Ständen, sondern nach der Volkszahl zu repräsentiren sind, wird dem unverweilt einzuberufenden Landtage zur Berathung vorgelegt werden. In ferner Berücksichtigung der zu geringen Vertretung der beiden Aemter Königsee und Oberweißbach sollen bei der bevorstehenden Ständewahl 2 Deputirte für die Aemter gewählt, der eine zwar nur einberufen, der andere aber sofort nach berufen werden, wenn die Genehmigung vom Landtage hierzu ertheilt wird. Übrigens wird dieser billige Wunsch auf das Dringendste bei den Ständen bevorwortet werden.
  • ad 4. Dem Antrag auf Öffentlichkeit der Landtagsverhandlungen im vollstem Umfange wird Seitens des Gouvertements gern entgegen gekommen.
  • ad 5. Der Oberforstmeister von Schönfeld ist bereits von seinem Dienste als Chef des Departements der Waldforste entbunden, wodurch sich dieser Punkt erledigt.
  • ad 6. Die Herstellung einer Landesfeuer-Asecuranz und Lostrennung … von der Magdeburger Feuer Societät, sowie die Errichtung' einer LandescreditCasse zur Hebung der Industrie und der Gewerke, soll einen Gegenstand der Berathung mit dem Landtage bilden.
  • ad 8. Diejenigen Staatsdiener, welche wegen Pflichtwidrigkeiten durch Urtheil und Recht ihrer Dienste entsetzt werden, werden keine Pensionen erhalten und liegt es in meiner Absicht, wegen der Stellung der Staatsdiener überhaupt eine Vorlage an den nächsten oder nächstkünftigen Landtag gelangen zu lassen.
  • ad 9. Die Umarbeitung und Milderung des Forststrafgesetzes liegt ebenfalls in meiner Absicht und wird dem Landtage eine Proposition dieserhalb vorgelegt.
  • ad 10.Der Erlaß aller wegen Waldfrevel und Polizeivergehen erkannten und bis jetzt nicht exekutirten Strafen, wird hiermit für den ganzen Umfang meines Fürstenthums zugesagt und soll das Weitere deshalb an die Behörden erlassen werden, wobei ich jedoch die zuversichtliche Erwartung ausspreche, daß von nun an die bestehenden strafpolizeilichen Bestimmungen streng aufrecht erhalten und die Gemeinden selbst Sorge dafür tragen werden, daß dies wirklich geschehe.
  • ad 11.Zur Untersuchung der von den einzelnen Gemeinde eingegeben werdenden Petitionen soll eine Commission niedergesetzt werden und versichere ich, wo irgend thunlich die Berücksichtigung dieser Gesuche.
  • ad 12.Den dem Landtage wegen Ablösung der Feudallasten und sämtlicher Monopole zu machenden Vorlagen soll diemöglichste Billigkeit zur Richtschnur dienen. Schließlich werde Ich auch in Berücksichtigung der noch außerdem zu meiner Kenntnis gekommenen Gebrechen wegen der hinsichtlich des Forstschutzes zeither bestandenen Einrichtung dahin Verfügung treffen, daß bis auf Weiteres der Schutz des Forstes durch Kreiser und Forstgensdarme nicht mehr ausgeübt werde, wobei Ich Mich jedoch vertrauensvoll der Erwartung hingebe, daß, insoweit dies nicht durch das Forstpersonal geschehen kann, die Gemeinden und ihre einzelnen Glieder sich den Schutz der Waldung umso mehr angelegen lassen sein werden, als dieselbe zu den Grundlagen ihrer Existenz gehört.

Gegeben Rudolstadt, den 17. März 1848

(L. S.) Friedrich Günther F. z. S."

Die Bescheidung wird noch in der Nacht in der „Bürgerzeitung“ veröffentlicht. Gegen 4:00 Uhr erhält die Deputation 300 Exemplare derselben ausgehändigt und reist gegen 7:00 Uhr des 18. März wieder ab.

26. März 1848: Im Gemeindegasthof versammelt sich die „Ärmere Klasse“. Drohreden heizen die Stimmung auf. Die Sicherweitswache wird nochmals verstärkt, doch bleibt die Nacht im Wesentlichen ruhig.

27. März 1848: Gemeindeversammlung. Zwei Forderungen werden der Gemeinde überreicht, die denkbar schlicht und für die Verhältnisse, unter denen die Ärmsten unseres Ortes damals leben, sehr aufschlussreich sind:

  • 1. soll die Gemeinde Gemeindeholzboden (Gemeindewald) „von der Pechhütte nach der Solwiese zu“ für Felder (Äcker) zur Rodung freigeben, um den Kartoffelanbau verbessern und damit die schlimmste Not lindern zu können. 

  • 2. soll die Gemeinde „Obdach für die Armen“ schaffen.

Angesichts der bedrohlichen Lage in der ersten Phase der Revolution sieht sich die Fürstliche Regierung in Rudolstadt gezwungen, den energischen Forderungen Beachtung zu schenken – wobei man natürlich keine Sekunde an eine Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse denkt. Vielmehr wird die Bevölkerung durch kleine Zugeständnisse und oft leere Versprechungen in die Irre geleitet.

Für Oberweißbach ist eines dieser Zugeständnisse die Freigabe eines Waldgebietes, der sogenannten „Kienbäume“. Das am unteren Ortsausgang von Oberweißbach, oberhalb des „Hügels“ befindliche Flurstück wird den Oberweißbachern auf 99 Jahre als Erbpacht überlassen.

In diesem Zusammenhang sieht der frühere Oberweißbacher Lehrer Fritz Gärtner auch die Entstehung des Namens „Heckersberg“. Demnach steht der Name für den im 19. Jahrhundert im Volke sehr populären Revolutionär Friedrich Franz Karl Hecker (1811 - 1881).

Friedrich Franz Karl Hecker (1811 - 1881).

Eingeführt wurde der Name „Heckersberg“ wahrscheinlich von einem aus Baden nach Oberweißbach ausgewanderten Mitkämpfer Heckers. Wäre dies so, so schreibt in den 1950er Jahren Fritz Gärtner, dann hätte Oberweißbach damit ein eimaliges Denkmal an die 1848er Revolution vorzuweisen. Leider nennt Gärtner den Namen dieses Mannes nicht.

Unumstritten ist die Deutung nicht – etwa unter dem Gesichtspunkt, dass die Fürstliche Regierung in Rudolstadt einer solchen Benennung wohl kaum zugestimmt hätte. Eindeutig widerlegt werden könnte sie m. E. aber nur, wenn sich in Archivunterlagen der Name bereits vor 1848 nachweisen ließe.

Doch zurück nach 1848:

Es ergeht der Beschluss:

  • 1. Es soll der Kiefernwald an benannter Stelle abgeholzt, der Grund und Boden vermessen, verteilt und in Teilen an die Bedürftigsten verlost werden – und zwar auf 5 Jahre unentgeltlich, sodann für eine geringe Erbpacht. Die Bewohner des Hügels erhalten demnach den Heckersberg, die Bewohner von Mittelweißbach den Amtmannsberg zur Urbarmachung.
  • 2. Jedem, der im Stande ist, sich eine Wohnung zu bauen, soll ein „schicklicher Platz“ gegen eine geringe Abgabe überlassen werden.

Die Versammlung verläuft ruhig – und endet mit Gesang und einem „Lebehoch“ für die Gemeinde.

9. April 1848: Im Gemeindegasthof findet eine weitere Versammlung der Schultheißen und Ortsvorstände der beiden Amtsbezirke statt. Zur gleichen Zeit wiegelt ein „junger Mensch namens Löser“ das Volk der umliegenden Orte gegen Oberweißbach auf. Aus Neuhaus taucht ein bewaffneter, 17 Mann starker Trupp unter Führung des dortigen Gastwirtes Wiegand auf, angeblich, um das Justizamt (Schönausches Gartenhaus hinter der Apotheke) zu beschützen.

Die Sicherheitswache wird auf 60 Mann verstärkt und patrouilliert ununterbrochen.

Gegen Mitternacht fällt ein Schuss, doch stellt sich bald heraus, dass es sich nur um einen Streich der Neuhäuser handelt. Am nächsten Morgen ziehen die Neuhäuser bis auf wenige wieder ab.

4. April 1848: In Schwarzburg, Sitzendorf und Blechhammer (Unterweißbach) wütet eine angeblich 784 Mann starke Holzflößer-Truppe, die später auch Oberweißbach „einen Besuch“ abstatten will. Es wird Sturm geläutet. Die Bevölkerung eilt mit allen verfügbaren Waffen zum Landratsamt am Markt. Aus Lichtenhain treffen 50, aus Deesbach 40 Mann Verstärkung ein, die sich oberhalb des Gemeindegasthofes bis hinauf zur Knabenschule postierten.

Ein 90 – 100 Mann starke Trupp Meuselbacher Flößer, der am 5. April gegen 4:00 Uhr auftaucht, zieht offenbar kampflos wieder ab, desgleichen ein zweiter Trupp aus Katzhütte. Ein dritter Trupp aus Cursdorf schließlich wurde ohne größere Probleme nach Hause geschickt.

Die Hauptstoßrichtung der rebellischen Flößer verläuft jedoch entlang der Schwarza bis nach Mellenbach, wo sie aber ebenfalls mit starken Kräften erwartet werden und deshalb kleinlaut wieder abziehen.

In Oberweißbach treffen, als die Gefahr im Wesentlichen bereits gebannt ist, noch Hilfstruppen aus Neuhaus und Lichte ein. Es kommt zu Spannungen mit dem Kreishauptmann von Ketelhodt, der daraufhin am nächsten Tag gemeinsam mit seiner Familie, Oberweißbach fluchtartig in Richtung Rudolstadt verlässt.

Unterdessen geht die allgemeine Volksbewaffnung weiter. Aus dem Zeughaus in Schwarzburg erhält Oberweißbach – mangels modernerer Waffen – 152 alte Bajonette, die noch aus dem 30-jährigen Krieg stammen. Sie werden an langen Stangen befestigt und zu lanzenartigen Stichwaffen umfunktioniert. Derart bewaffnet wird jeweils am Sonntag am Felsenkeller exerziert.

11. Mai 1848: Oberweißbach erhält 50 „gute Gewehre“ für die hiesigen Wehrmänner.

Juli 1848: Um die ärmsten Arbeiter in Lohn und Brot zu bringen, wird die Straße von der Burg bis zum Hohlweg beim Felsenkeller auf 41 Ruthen Länge ausgebaut.

1 Rudolstädter Rute = 16 Fuß = 4,515 m, mithin ca. 185 m Wegbefestigung.

***

 

Die alte(n) Oberweißbacher Kirche(n)

Was ist eigentlich ein Positiv? Und wozu braucht man eine Kanzel-Uhr? Beim Durchstöbern einiger alter Dokumente bin ich kürzlich auf ein...