4. Das 17. Jahrhundert

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist Oberweißbach ein kleines Dorf, in dem jährlich etwa 16 bis 18 Kinder geboren werden. Die Einwohner leben von Feldbau und Pechbrennerei; es gibt mehrere Pechhütten. Die Südostseite des Ortes (Kirchberg, Leibisberg) ist noch vollständig bewaldet.

1603 – In diesem Jahr erhält Oberweißbach das Recht bestätigt, für den Eigenbedarf aus selbst angebauter Gerste Bier brauen zu dürfen. Dieses Recht wird seit 1600 von den Königseern immer wieder bestritten.

1606 – wird die alte Kirche auf dem Friedhof umgebaut und vergrößert, was einem Neubau gleichkommt.


August Elsässers „Kirchspiel Oberweißbach im Wandel der Zeiten“ enthält auf Seite 18 eine Zeichnung der alten Kirche, die im heutigen unteren Friedhof hinter dem Fröbelmuseum (früher Pfarrhaus) stand – und zwar (vom Markt gesehen) links vom Torhaus. Dort befindet sich auch ein letzter, von Pfarrer Mohr ganz bewusst belassener Stein der alten Kirche.

Die Zeichnung wirft einige Probleme auf: Sie zeigt die Kirche und den dahinterliegenden Friedhof. Aus dieser Perspektive steht der Kirchturm jedoch im Osten, der Altar demnach im Westen! Das ist unmöglich! Diese Kirche ist demnach seitenverkehrt bzw. spiegelbildlich dargestellt! Berücksichtigt man, dass es sich hier um eine aus der Erinnerung angefertigte Zeichnung eines alten Mannes handelt, lässt man den Friedhof weg und nimmt einfach an, dass die Kirche vom Markt aus betrachtet wird, dann stimmt die Schattenbildung nicht – die Sonne steht jetzt im Norden, mit viel Augenzudrücken im Nordosten (das ist jahreszeitabhängig u. U. möglich), aber dann steht der Turm hinter dem Kirchenschiff. Wenn man annimmt, dass das heutige Torhaus zum Friedhof ein Rest des alten Kirchturmes ist, dann ist kein Platz für ein noch weiter vorne in Richtung Markt stehendes Kirchenschiff.

Wenn diese Bild tatsächlich die alte Kirche aus der Perspektive vom Friedhof her zeigt, dann müsste das Kirchenschiff westlich des heutigen Torhauses – also hinter dem früheren Gasthof „Zum goldenen Anker“ – gestanden haben. Die einzige einigermaßen eben Fläche sowie der von Pfarrer Mohr niedergelegte Stein befinden sich jedenfalls östlich des Torhauses. Dort wurden nach Kenntnis des Verfassers in den 1970er Jahren auch Grüfte entdeckt und verfüllt, die auf Beerdigungen innerhalb der alten Kirche deuten könnten.

1609 – wird mit Kantor Preunel der erste Lehrer in Oberweißbach angestellt. Dazu ist anzumerken, dass das Amt des Kantors in Mitteldeutschland kein rein geistliches war (Kirchenmusiker), sondern der „Kanter“ war zugleich auch Lehrer.

1611 – Die Pest fordert zahlreiche Todesopfer; allein in Cordobang sind es 82.

1613 – Am 29. Mai verwüsten heftige Gewitter und Niederschläge („Thüringer Sintflut“) große Teile Thüringens. Insgesamt sterben dabei 2.261 Menschen.

1614 – Königseer Stadtsoldaten erzwingen die Herausgabe von 14 Fass Bier, weil die Oberweißbacher nicht, wie erlaubt, ihr Bier nur aus selbst angebauter Gerste brauen, sondern Getreide zukaufen. Das ergaunerte Bier wird an die Königseer Bürger verteilt.

1624 – Bereits im Mai dieses Jahres herrscht große Hitze, so dass es am 24. Mai zu einem verheerenden Waldbrand kommt. Auf „zwei Meilen Länge“ (das entspricht etwa 12 bis 14 km) tobt das Feuer im Raum Neuhaus (Wulst) bis ins Schwarzburgische (Fischbachwiesen) und in der anderen Richtung fast bis zu der erst 1597 gegründeten Glashütte Lauscha. Etwa 200 Mann schlagen Brandschneisen und ziehen Gräben, um so dem Großbrand schließlich die Nahrung zu entziehen.

1 Meile entspricht zu dieser Zeit zwischen 6.800 m (Landvermessermeile Sachsen) und 7.500 m [Bayern, Württemberg, Hohenzollern, Böhmen, Sachsen, Preußen, Hamburg u. a.)

1626 – Nur zwei Jahre nach der folgenreichen Hitzewelle von 1624 herrscht im Mai 1626 große Kälte. Die Saat erfriert. Es folgt eine Missernte und dieser eine große Hungersnot. Elsässer berichtet, dass aus Böhmen Getreide herangeschafft werden muss, um Mensch und Tier das Überleben zu sichern.

An der Nordsee tobt 1626 eine gewaltige Sturmflut, die als „Eisflut“ in die Geschichtsbücher Eingang findet. Dass dieses Unwetter direkte Auswirkungen in Thüringen hat, ist zwar nicht sicher, jedoch deuteten sich ab dieser Zeit auch in unserer Heimat die Auswirkungen der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ an.

Die „Kleine Eiszeit“ umfasst zwei große Kälteperioden – die erste von etwa 1570 bis 1630 und die zweite von etwa 1675 bis 1715. Ursache des (für uns Menschen) extremen Klimas ist wahrscheinlich das unglückliche Zusammentreffen mehrerer Umstände, nämlich

  • eine oder mehrere Phasen auffällig geringer Sonnenfleckenaktivität,
  • Änderung(en) der Neigung der Erdachse zur Sonne bzw. des Umlaufs der Erde um die Sonne,
  • gehäufte vulkanische Aktivitäten mit globalen Auswirkungen,
  • ein um etwa 10 % abgeschwächter Golfstrom.

Verstärkt wird das Szenario durch eine Art Teufelskreis, die sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplung, was nichts anderes bedeutet, als dass sich in Folge der niedrigen Temperaturen die Eisflächen an den Polen vergrößern und dadurch mehr Sonnenlicht zurück in den Weltraum reflektieren, was wiederum die Abkühlung weiter verstärkt.

1627 – Ein Steuerverzeichnis weist für Oberweißbach 63 Häuser und eine Badestube aus. Das ist erstaunlich, denn derartige Einrichtungen gab es damals vorwiegend in den Städten. In einer Badestube wurde aber nicht nur gebadet, sondern es wurden hier auch andere Dienstleistungen erbracht, wie etwa Haare schneiden, rasieren sowie kleinere chirurgische und zahnärztliche Eingriffe. In größeren Städten – in Oberweißbach selbstverständlich niemals! – dienten Badestuben durchaus auch als Bordell.

1631 – wird der Schultheiß Fritze zu Oberweißbach „erwürget“. Warum? Oder liegt hier ein Lesefehler vor?

1635 – Erneut wird der Thüringer Wald von einer Pestepidemie heimgesucht, die sich im Zuge des 30-jährigen Krieges über ganz Deutschland ausbreitet. In Meuselbach sterben 127 Menschen.

1640 – Oberweißbach wird durch räubernde Banden des kaiserlichen Heeres geplündert und samt Kirche niedergebrannt. Dabei gehen sämtliche im Ort befindliche Aufzeichnungen und Kirchenbücher aus der Zeit vor 1640 verloren. Die Einwohner verbringen den größten Teil des Sommers im Wald.

Die Angabe bei Kiesewetter und Sigismund, es handle sich dabei um einen Angriff der Schweden, ist unzutreffend. General Octavio Piccolomini lagert zu dieser Zeit mit 16.000 bis 20.000 Mann bei Saalfeld, wo er einen Angriff der Schweden unter Feldmarschall Johan Banér erfolgreich abwehrt. Piccolomini kommandiert bis 1634 die Leibgarde Wallensteins und kämpft auch später auf Seiten der kaiserlichen Truppen (Katholische Liga) u. a. gegen die Schweden. Aus Piccolominis Truppe stammen die räubernden Banden. Ihr Motiv: Rache!

100 Jahre später schreibt Pfarrer Friedel:

„Und als eben dasselbst ein Müller aus der Schnepff-Mühle war auf dem Felde erstochen funden und sodann in die Kirche getragen worden, gaben die Soldaten für, es sey ihr Camerade, und nahmen Gelegenheit greulich mit Rauben, Plündern und Anstecken zu hausen. Sie verbranten auch unsere Kirche, Pfarr- und Schul-Häuser und wer des Lebens sicher seyn wollte flüchtete in den dicken Wald…“

Das war kein Heldenstück, Octavio!

1644 – Elsässer berichtet über eine erneute Pestepidemie.

Im gleichen Jahr beantragt der damalige Pfarrer Möller für Oberweißbach zwei Jahrmärkte, wogegen die Stadt Königsee Einspruch erhebt.

1648 – In Großbreitenbach macht der Apotheker Mylius von sich reden. Er gilt als Begründer des Olitätenhandels. Lorentz Andres und Hans Walther werden als erste Balsamträger aus Oberweißbach erwähnt.

1653 – Elsässer berichtet über eine große Hungersnot in unserer Heimat.

1673 – werden der erste Organist und ein 2. Lehrer angestellt. Beide Lehrer zusammen haben rund 200 Kinder zu betreuen.

1679 – Für Oberweißbach werden in diesem Jahr 24 Balsamträger erwähnt.

1683 – erhalten Neuhaus, Schmalenbuche und Lichte ihre eigenen Pfarrer. Vorher musste der Oberweißbacher Pfarrer diese Orte mit betreuen.

1690 – herrscht eine Heuschreckenplage (bis 1691).

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